USA 2011

Die Sonne ist gerade untergegangen am Salt Lake City International Airport als ich Anfang Juli aus dem Flieger steige und erstmal ein Motel aufsuche. Was mir sofort auffällt, es ist heiß. Beängstigend heiß. Die Nacht bleibt schlaflos und so kann ich das amerikanische Fernsehprogramm ausgiebig kennenlernen. Alle 500 Kanäle.

Der erste Radtag hat es in sich. Die Sonne wirklich unangenehm stechend. Auf den Tag verteilt trinke ich ca. 10 Liter Wasser und erfahre später, dass es der heißeste Tag in diesem Jahr in Utah war. Das Tal in dem Salt Lake City liegt ist extrem zersiedelt und so brauche ich ganze 2 Tage um in schönere Landschaft zu kommen. Ich verwerfe gleich den Plan direkt in die Wasatch-Mountains zu radln. Schon bei der ersten Steigung bin ich kurz vor’m Kollaps. Vielleicht war das Ganze im Juli doch keine so gute Idee. Wie zum Hohn sind die Skigebiete über Salt Lake City noch geöffnet (nach einer 202-Tage-Saison!).

Die nächsten Tage bleiben heiß, aber landschaftlich wird es schöner. Die einsamen Straßen führen mich nach Süden, die Vegetation wird spärlicher und ich komme den Canyons näher. Es ist Urlaubszeit und an den Campgrounds lerne ich gleich die Gastfreundschaft der Amis kennen. Herzliche Menschen. Auf den Straßen werde ich von Wohnmobilen, groß wie Reisebusse überholt, stets vorsichtig und mit viel Abstand.

Nach einigen einsamen Etappen ist der Capitol Reef Nationalpark meine erste Station. Ein herrlicher Campground mitten im Park und direkt an der Waterpocket Fold lädt zum verweilen ein. Nach einer kurzen Wanderung genieße ich bei heftigem Gewitter einige Stunden im Zelt. Ich merke, dass die erste Radwoche ihren Tribut fordert. Aber wenigstens werden die täglichen Gewitter die Temperaturen etwas drücken. Am späten Nachmittag traue ich mich in eine Schlucht, durch die vor über 100 Jahren die ersten Siedler in Richtung Westen einen Weg gefunden haben. Die Felsen im Abendlicht sind so spektakulär als hätte man sie extra für mich so arangiert.

Die nächsten Tage können an landschaftlicher Schönheit kaum überboten werden. Der Highway 12 führt mich direkt durch das Grand Staircase-Escalante National Monument und dazwischen liegen immer wieder fantastische Aussichten und wunderschöne Zeltplätze z. B. im Calf Creek Canyon.

Unterwegs lerne ich Jukka kennen und wir radln 2 Tage zusammen. Er ist seit fast 5 Jahren ununterbrochen unterwegs. Asien, Australien, Europa, Afrika und mitten im Nirgendwo treffen wir zusammen. Gemeinsam besichtigen wir den Bryce Canyon Nationalpark und erzählen uns jeweils aus unseren eigenen Welten. Er von seinen Abenteuern und ich von Job, Freundin und Freunden.

Zu gern hätte ich ihn in Nevada dabei gehabt, aber Jukka hat andere Pläne und fährt Richtung Las Vegas. Ein letzter hoher Pass im Cedar Breaks National Monument bringt mich vom Colorado Plateau nach Cedar City, einer Kleinstadt im äußersten Südwesten Utahs. Hier will ich nochmal Kräfte für Nevada tanken (1 kg Chicken bei einem abendlichen Solo-Grill-Gelage mit viel Bier). Kräfte die ich im bergisten Staates der USA (Ja, einschließlich Alaska!) brauchen werde.

Von Cedar City geht es über Minersville nach Milford. Ich habe gehörigen Respekt vor den nächsten Tagen und quatiere mich bei einem Motel ein um nochmal den Wetterbericht zu checken. Morgen stehen 140 km und 3 hohe Pässe auf dem Programm und das ist nur der Anfang. Aber deswegen bin ich ja hier. Die Landschaft ist karg und eintönig. Der Himmel tiefblau ohne eine einzige Wolke. Die Straße führt schnurgerade zum Horizont. Kein Geräusch – lediglich meine Fahrradreifen auf dem Asphalt. Für manch anderen langweilig, für mich einfach nur wunderschön und entspannend.

Ganz überrascht bin ich die ersten Tage in Nevada über den angenehmen Rückenwind. Ein Blick auf die Karte verrät mir, dass das nicht immer so bleiben wird. Und tatsächlich habe ich bald üblen Gegenwind. Dutzende Kilometer geht es nur geradeaus – aber im Schritttempo. Wenn ich mal einen Pass geschafft habe geht es selbst bergab selten schneller als 12 km/h. Dazu noch die klare Atmoshäre. Das nächste Ziel liegt zum Greifen nahe, ich komme aber einfach nicht dort an. Ein Alptraum. Die anfangs interessante Landschaft kann ich nun auch nicht mehr genießen. Ab frühen Nachmittag wird es ungemütlich heiß und Schatten gibt es einfach nicht. Ich bin allein auf dem Highway 50, auf dem Loneliest Highway of America.

In Eureka komme ich in der ältesten Bar der Gegend beim Bier mit dem Barkeeper ins Gespräch. Er fährt morgen nach Carson City und bietet mir an mich mitzunehmen. Verlockend. Weitere 3 Tage bei starkem Gegenwind und Hitze in Nevada auf Straßen wie ich sie in den letzten Tage genauso schon gesehen habe? Oder doch lieber ein bißchen mehr Zeit in Californien? Die Entscheidung ist nicht einfach, aber trotzdem, kurz nach Sonnenaufgang am nächsten Tag rasen wir mit beängstigen 120 km/h über den Highway 50 in Richtung Westen. Das Bike auf der Ladefläche seines Pickups. Im glückspielgeplagten Carson City lade ich ihn noch zum Frühstück ein. Danach reiße ich einige anstregende km runter und gelange zum Lake Tahoe.

Was für ein Gegensatz! Von der Wüste Nevadas ins Paradis am Lake Tahoe. 2 Tage verbringe ich an einem wunderschönen Campingplatz direkt am See. Ringsrum die schneebedeckten Berge und ich stecke meine Füße in den Sandstrand. Hier kann ich meine Batterien wieder aufladen und werde regelmäßig vom Campingplatz-Host zum Essen, auf ein Bier oder einfach nur zu einem Gespräch eingeladen.

Die Grenze nach Californien ist nicht weit und die hohen Pässe der Siera Nevada auch nicht. Mit schweren Beinen erklimme ich den letzten richtigen Pass dieser Reise, bevor mich eine nahezu 60 km lange Abfahrt ins heiße Tal bei Sacramento führt. An einem 150 km langen Tag durchquere ich dieses Tal, denn landschaftliche Reize bekommt man hier selten geboten.

Stattdessen möchte ich noch ein paar Tage in den Bergen am Meer und natürlich an der Küste nördlich von San Francisco verbringen. Der Point Reyes National Seashore Park bietet nochmal einsames Abenteuer pur. Auf einer Halbinsel, wo nur Wanderer und Radfahrer erlaubt sind, schlage ich mich bis zum Campground hinter den Dünen durch. Ein absolutes Highlight, denn der Strand ist praktisch für mich ganz allein.

Nun trete ich den letzten Teil meiner Radreise an. Oft im Nebel verhangen, radl ich immer der Küste entlang. Mal rauf mal runter. Recht kühl ist es hier an der Küste, was mich nicht weiter stört. Dann plötzlich, kurz vor San Francisco reißt der Nebel auf und ich erblicke die Golden Gate Bridge. Für einen Moment halte ich inne. Die Überfahrt ist von reiner Symbolkraft für mich. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge setze ich nach San Francisco über. Meine Reise ist zu Ende. 2 Tage verbringe ich noch hier. Shoppen, Sightseeing und Essen. Ich treibe mich in der ganzen Stadt umher und benutze dabei nicht ein einziges Mal die berühmte Straßenbahn. Ziemlich anstrengend.

Zum Schluss statte ich der Half Moon Bay südlich von SF noch einen Besuch ab. Viel Positives von hier kann ich leider nicht berichten. Aber das lag vielleicht auch nur an dem eher schlechten Wetter und dem teuren Campground. Am letzten Abend bin ich in einem fantastischen mexikanischem Restaurant. Ich ärgere mich, dass ich nicht öfter mexikanisch Essen war und spinne mir schon wieder die nächste Reise nach Mexiko zusammen.

Am Flughafen werde ich aber wieder in die Realität zurück geholt. Hier wird es nochmal stressig. Ich habe mich schon meinen Flug verpassen sehen. Die Regularieren für das Fahrrad werden sehr ernst genommen. Und den Karton den man extra kaufen muss, kann man nur bar bezahlen. Ich kann’s nicht glauben! Den Flieger erwische ich noch und kann sogar einen Exitseat ergattern. Glück den Tüchtigen!

3 Responses to USA 2011

  1. Pingback: Butterfuchs

  2. Jürgen says:

    Hallo Sebastian,
    Kompliment zu deiner USA Tour. Tolle Bilder, da kommen bei mir Erinnerungen auf, vor allem bei den laaaaangen Geraden. Ich bin 2010 von Key West nach LA geradelt und 2011 von Anchorage Alaska nach SF.
    Hier kannst du kurze Filmchen von meinen Touren anschauen:
    http://www.youtube.com/watch?v=ncHF6XDOzKg
    http://www.youtube.com/watch?v=N0K1TenIde8
    http://www.youtube.com/watch?v=4JH2kyffM6w
    http://www.youtube.com/watch?v=yBSDDHAfuaU
    Ich wünsche dir viel Spass beim anschauen und weiterhin schöne Touren
    Gruss Jürgen

  3. Butterfuchs says:

    Danke Jürgen. Super Videos. Da möchte man gleich wieder starten.

    Sebastian